Writing: Mein Verhältnis zu Lesungen


Wer ein bisschen aufgepasst hat, dem ist aufgefallen, dass ich im Jahr 2016 merklich wenige Lesungen veranstaltet habe - und das, obwohl nicht wenige Bücher von mir erschienen sind. Und da ich jetzt schon ein paar Mal darauf angesprochen wurde, dachte ich mir, ich könnte einfach ein bisschen dazu schreiben.


Lesungen scheinen zum Dasein des Autoren zu gehören. Es geht also nicht nur darum, eine spannende und gute Geschichte zu verfassen, sondern diese auch gleich an das Publikum zu bringen. Und wenn ich mich in der schreibenden Zunft einmal umsehe, gibt es eine ganze Menge von Kollegen, die Lesungen nicht nur in ihrem direkten Umfeld halten, sondern auch (gemessen an ihrem Wohnort) in den entlegensten Winkeln der Republik.

Dabei ist so eine Lesung doch eine nette Veranstaltung: Potenzielle Leser kommen in Kontakt mit einem Autor, der Autor kann seine Geschichte so vortragen, wie er es für angemessen hält und Neben- und Randfragen zum jeweiligen Buch oder zu anderen Arbeiten des Autors können auch noch gestellt werden.

Im Grunde handelt es sich um eine Veranstaltung zum Netzwerken. Als Autor trete ich aus der Anonymität hervor, präsentiere mich als eine Person zum anfassen und komme ein wenig in Kontakt mit meiner Leserschaft. Wobei: Das mit der Anonymität ist in den Modernen Zeiten ja so eine Sache. Dank dem Internet und den sozialen Netzwerken ist der Autor heute eben keine nebulöse Gestalt mehr hinter einem Buch - er lässt uns in aller Regel schon irgendwie an seinem Leben teilnehmen. Zumindest kennen ich eine menge an Schreiberlingen (und zähle mich selbst dazu), die unterschiedlichste Kanäle nutzen, um in Kontakt mit der Leserschaft zu kommen. Eine Sache, die früher nicht so einfach war.

Wenn es um Lesungen geht, dann habe ich bisher immer eine Kosten/Nutzen-Regelung angelegt. Was bringt es mir, Fahrtzeit, Fahrtkosten, Unterkunft, Verpflegung und letztlich auch Lesezeit zu investieren? Ich bin mir völlig im Klaren darüber, dass dies eine nüchterne Herangehensweise ist, die nicht alle meine Kollegen teilen können. Aber ich bin mein ganzen Leben Freiberufler gewesen, da liegt einem diese Betrachtung wohl im Blut. Am Ende einer solchen Rechnung kommt man meist zu einem ernüchternden Ergebnis: Neben den offensichtlichen Kosten investiert man auch eine ganze Menge (Arbeits)Zeit in einen solchen Termin. Und am Ende kauft dann vielleicht ein Leser dein Buch auf der Veranstaltung und ein weiterer bestellt es online bei Amazon.

Ich weiß, dass ist ein worst-case-Szenario. Dennoch muss ich mir die Frage stellen, ob das, was ich in eine Lesung investiere den Output rechtfertigt. Sicher könnte man jetzt sagen, dass das doch nicht absehbar ist. Denn auf deiner nächsten Lösung könnten doch X Leute sein, die du mit deiner Textprobe überzeugst und die dann alle zuschlagen werden. Natürlich kann das passieren. genauso wie es passieren kann, dass man im Lotto gewinnt.  Natürlich hinkt dieser Vergleich, aber ihr versteht vielleicht, um was es mir geht. Anstatt der vier bis  acht Stunden, die mich eine Lesung summiert kostet (denn es kommt ja noch Vor- Und Nachbereitung hinzu) könnte ich auch einfach das tun, was ich aktuell am besten kann: Schreiben. Denn in der zeit gehen mir gut und gerne ein paar tausend Worte von den Fingern.

Ja. Möglicherweise unterschätze ich den Werbeeffekt von Lesungen kolossal.
Möglicherweise aber auch nicht.

Das Schreiben ist nicht mein Hauptberuf, jede Zeit, die ich dort investiere, will wohl überlegt sein. Wenn ich also neben der 40-50 h Woche noch Zeit für das Autorendasein finde, dann investiere ich sie im Moment viel lieber darin, etwas zu schreiben. Gut möglich, dass sich das mal ändert.

   
Wie ist es mit euch? Welche Erfahrungen habt ihr mit Lesungen?


Kommentare

  1. Ich kann das in deinem momentanen Status gut verstehen.
    Noch finde ich die Romane des Autoren Münter nicht in jedem Thalia vorn im Regal präsentiert oder bei Amazon auf der ersten Seite in einer allgemeinen Suche.
    Denn mit Lesungen ist der Effekt mitnichten die handvoll Leute, die danach das Buch kaufen. Auf Lesungen holst du dir Multiplikatoren! Aber eben nur wenn dein Buch auch präsent genug ist.

    Der Buchladen, der deine Lesung durchführt, legt auch schon vor der Lesung, die Bücher hin und Leute kaufen sie vielleicht. Dein Name steht auf irgendeinem Poster oder vergleichbarem und wird sich zumindest im Hinterstübchen gemerkt. Das alles sind die typischen Effekte von Werbung, aber Werbung erschafft selten einen "Käufer", sondern fast immer nur Gelegenheitskäufer. Wir greifen zu Milka statt zur No Name Schokolade, weil wir den Namen und die Marke kennen, wenn wir eh Schokolade wollen und vorm Regal stehen. Wie kaufen nur selten Milka, weil uns jemand ein Stück davon anbietet und wir mehr wollen.

    Auf Lesungen sind oft Leute, die sehr viel Lesen (und ihren Freunden Büchern empfehlen) oder vielleicht sogar beruflich damit zu tun haben (und noch viel mehr Einfluss auf die Käufe haben). gesehen. Ziemlich sicher (und deine wichtigsten Zuhörer) sind die Veranstalter aber auch da! Buchverkäufer oder Bibliothekare oder was auch immer. DIE musst du überzeugen. Unterhalte dich nett mit ihnen vorher und nachher. Signiere deren Verkaufsexemplare und fessele sie mit deiner Lesung.
    Wenn dann dein Buch ordentlich verfügbar ist, wird irgendwann die Frage "was können sie denn empfehlen" kommen. Und wenn dein Buch dann vor ihren Augen im Regal ist, werden sie die Marke kennen und zu Milka ähh Münter greifen.

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    1. Die lieben Multiplikatoren...

      Ich verstehe, was du meinst - und es wäre wahrscheinlich auch der optimale Fall so. Bei den wenigsten meiner bisherigen Lesungen waren die Veranstalter zugegen (ist eben so, wenn es sich um Kneipen handelt). Liebend gerne hätte ich in Buchläden gelesen, im Großraum Dortmund hatte ich da bisher folgende Reaktionen:

      a) "Passt nicht in unser Portfolio"
      b) "Kennen wir nicht, wollen wir nicht"
      c) "Kleinverlag? Nicht bei uns!"
      d) "Klar, aber das kostet."

      Und natürlich: Ich könnte hier auch ein bisschen mehr Arbeit investieren, weitere Anlaufstellen finden. Aber da sind wir wieder am Anfang: Eigentlich will ich doch schreiben.

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  2. Guten Tag.
    Bei virtuellen Lesungen ist das allerdings anders.
    Auch hier kommen vielleicht nur 15 - 30 Zuhörer*innen.
    Aber der Aufwand in der VR ist (für den / die Lesenden) deutlich geringer.
    Zudem wird die Lesung ja auch im "Flachnetz" (id est im normalen Internet) mehrfach bekannt gemacht, auf diversen Plattformen -und es gibt dort auch Nachberichte.
    MfG
    BukTom Bloch (SL)

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    1. ich bezog mich bewusst nur auf realweltliche Lesungen. Alle Hemmnisse, die ich im Beitrag genannt haben, fallen bei den virtuellen Lesungen weg, das stimmt schon :)

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